Berichte

Erhalt wohnortnaher Krankenhäuser im Lahn-Dill-Kreis

WIR NEHMEN STELLUNG: ERHALT WOHNORTNAHER KRANKENHäUSER, HIER INSBESONDERE DIE KLINIKEN IN WETZLAR, DILLENBURG UND BRAUNFELS, KREISTAGSSITZUNG AM 29.06.2020, A-54/2019, ANTRAG DER CDU VOM 11.10.2019)

Nach Corona ist alles anders - wirklich? Bundes- und Landespolitiker im gesamten Land rühmten sich - angesichts der verheerenden Auswirkungen der Corona-Pandemie in Italien, England, Frankreich und der USA - der Vielfalt der deutschen Krankenhäuser. Und das mit Recht. Wir haben in Deutschland ein gewachsenes System aus ambulanter und stationärer Versorgung, die es jedem Bürger ermöglicht, wohnortnah auch in einem Krankenhaus behandelt zu werden.

Redebeitrag von Axel Valet, FWG Kreistagsabgeordneter:

Sehr geehrte Frau Vorsitzende, leibe Kolleginnen und Kollegen im Kreistag!

Nach Corona ist alles anders - wirklich?

Bundes- und Landespolitiker im gesamten Land rühmten sich - angesichts der verheerenden Auswirkungen der Corona-Pandemie in Italien, England, Frankreich und der USA - der Vielfalt der deutschen Krankenhäuser. Und das mit Recht. Wir haben in Deutschland ein gewachsenes System aus ambulanter und stationärer Versorgung, die es jedem Bürger ermöglicht, wohnortnah auch in einem Krankenhaus behandelt zu werden. Wenn es denn sein muß. Nahezu alle Krankenhäuser haben ihre Spezialgebiete, fast alle eine Intensivstation. Und genau deshalb war Deutschland für die Pandemie gut gerüstet, die glücklicherweise unser Land nicht so stark getroffen hat, wie unsere europäischen und transatlantischen Freunde. Einen wesentlichen Grund hierfür erläutere ich noch zum Schluss.

Der Antrag, über den wir hier reden,  stammt aus dem Oktober 2019 - also lange bevor das Corona-Virus unser aller Gesundheit bedrohte.

Die Antragstellung reagiert auf eine sogenannte  Bertelsmann-Studie. In dieser wird gefordert, daß die deutsche Kliniklandschaft auf 600 Krankenhäuser reduziert werden müsse.

Kaum vorstellbar, was in unserem Lande passiert wäre,  wenn diese Studie fünf Jahre eher publiziert wäre , und Bundes-, Landes und Kommunalpolitiker sich gezwungen gesehen hätten,  vielleicht schon 800 der 1.400 deutschen Krankenhäuser zu schließen. Dann wäre die Situation in Deutschland - bezüglich Beatmungsplätze - nicht anders gewesen als in Italien, als die Pandemie über die Welt im Frühjahr 2020 hereinbrach. Unser Klinikalltag wäre  nicht anders gewesen als in Italien oder Frankreich, wo Menschen sterben mußten, weil es nicht genügend Beatmungsplätze gab!

Ich stehe Veröffentlichungen von Studien, die im Auftrag von Stiftungen erstellt wurden, eher kritisch gegenüber. Über solche Studien versuchen Personen, die diese Stiftungen maßgeblich finanziell unterstützen - Einfluß auf die Politik in unserem Lande auszuüben. Und das ohne jegliche demokratische Legitimation.

Aber schauen wir uns doch die Forderungen dieser Studie einmal näher an. Es mag ja angehen, daß man in Großstädten wie Köln tatsächlich mit 14 Kliniken alle Patientinnen und Patienten der Region versorgen kann. Was die Studie aber verschweigt: Es sind wegen einer Klinikschließung ja nicht weniger Patienten zu versorgen. Das bedeutet, daß bei den verbliebenen 14 Kliniken (von derzeit 38) in Köln stark investiert und ausgebaut werden muß. Die Zahl der vorhandenen Betten müßten an den verbleibenden Standorten verdoppelt werden. Woher kommt dafür das Geld? Wo gibt es im Innenstadtbereich dafür freies Bauland? Wie soll der zunehmende, zentralisierte Verkehr geregelt werden? Wie die Energie - Ver- und Entsorgung? Was passiert - auch ohne Corona - bei einem Erregerausbruch größeren Ausmaßes in einer Klinik. Eine Ausweichklinik wäre dann nur schwer zu finden, wenn mehr als die Hälfte der Kliniken geschlossen wären.

Die Studie spricht von einer stärkeren medizinischen Spezialisierung bei größeren Krankenhäusern. Dabei wird aber völlig unterschlagen, daß es eine Vielzahl an Erkrankungen gibt, die eine breite stationäre Basisversorgung benötigen, wie sie die vielen kleineren Krankenhäuser in Deutschland, nicht nur außerhalb der Ballungszentren, vorhalten. (die meisten kleinen Krankenhäuser sind im Zuge von Sparmaßnahmen ja schon längst wegrationalisiert worden - siehe unser Friedrich-Zimmer-Krankenhaus in Herborn.

Unser System basiert doch gerade auf dem Prinzip, daß Patientinnen und Patientin, bei entsprechendem Bedarf, extra in die teuren und hochspezialisierten Kliniken verlegt werden können.

Das Grundproblem das wir heute in unseren Krankenhäusern haben ist doch das fehlende Fachpersonal. Wie wird denn die Aufgabe einer Krankenschwester belohnt, die bereit ist, sich jedes zweite Wochenende um die ihr anvertrauten Patientinnen und Patienten zu kümmern, während das Gros unserer Freizeitgesellschaft bei diesem schönen Wetter sich am Badesee tummelt? Hier muß unsere Gesellschaft ihren Respekt vor diesem Einsatz zeigen - und dies muß sich am Monatsende auch auf dem Kontostand widerspiegeln. Der Einsatz unserer Krankenschwestern, gerade auch in Zeiten der Coronapandemie, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Pflichtbewußt gingen sie ein hohes Risiko für ihre eigene - und die Gesundheit ihrer Familie -ein. Wie die behandelnden Ärzte auch.

Das eigentliche Problem unserer Krankenhäuser ist aber das fallbezogene Honorarsystem "DRG". Die Kosten-Nutzen-Rechnung, mit ständiger Rationierung, wurde zur Maxime im Krankenhauswesen erklärt. Steht der Mensch noch im Mittelpunkt? Das ist oft nur mit finanziellen Verlusten umzusetzen. Und deshalb bin ich froh, in einem kommunalen Krankenhaus zu arbeiten, in dem nicht die Gewinnmaximierung und die Ausschüttung einer reichlichen Dividende das Maß aller Dinge ist! Hier ist dringender Änderungsbedarf seitens der Bundespolitik zu fordern. Das DRG-System muß abgeschafft werden - es hat die falschen Anreize gesetzt.

Wir konnten, dank unserer Krankenhäuser im Lahn-Dill-Kreis, ganz besonders auf die Corona-Pandemie reagieren. Mit einem sehr umsichtigen Hygieneteam wurden Pläne erarbeitet, die z.B. vorsahen, daß erkennbare Corona-Patientinnen oder -Patienten nach Wetzlar verlegt bzw. dort primär aufgenommen wurden und das Dillenburger Krankenhaus primär coronafrei bleiben sollte. Damit war es möglich, besonders COVID-19-gefährdete Patientinnen oder Patienten nach Dillenburg einzuweisen oder zu verlegen, damit sie dort z.B. ihre Oberschenkelhalsfraktur operiert bekommen. Wäre es nach der Bertelsmann-Studie gegangen, hätte es aber das Dillenburger Krankenhaus sehr wahrscheinlich gar nicht mehr gegeben.

Lassen Sie mich bitte zum Schluß noch einen Aspekt erwähnen, weshalb m.E. die Coronapandemie für unsere Bevölkerung in Deutschland so glimpflich abgelaufen ist. Natürlich trägt der Lockdown mit Reduzierung sozialer Kontakte einen wesentlichen Teil daran, aber gerade die gute ambulante medizinische Versorgung aller Schichten in Deutschland ist in meinen Augen ein wesentlicher Garant dafür gewesen. Die Diabetiker, die Hypertoniker, alle waren in Deutschland gut eingestellt. Weil hier jeder freien Zugang zu einer suffizienten medizinischen Versorgung hat. Und dafür möchte ich meinen Dank an unsere Hausärzte und unsere Internisten aussprechen!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

siehe auch WNZ Artikel 01.07.2020, "Alle wollen kommunale Kliniken"